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Freitag, Mai 27, 2022

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Braunschweigs Basketball – der alternde Mann

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Dieser Tage ist das Thema Entwicklung in Braunschweig ein großes Diskussionsthema. Mit neuen Köpfen auf den leitenden Positionen – Paul Anfang als neuen Aufsichtsratsvorsitzenden und Sebastian Schmidt als neuen Geschäftsführer – soll der Basketball in Braunschweig wieder zum Erfolg geführt werden. Neue Ansätze und Ideen sind bereits spürbar – mehr Werbung in der Stadt und auf sozialen Netzwerken sowie ein reger Austausch zwischen Geschäftsstelle und dem Fanclub SUPPORTERS Braunschweig seien hier als Beispiele angeführt. In diesem Zuge werden die Fehler der letzten Jahre schnell verdrängt und zurückgewiesen. Dass die Probleme jedoch schwerwiegender sind, als von manch Verantwortlichen dargestellt oder gewünscht, zeigt sich im Zuge einer wachsenden und stärker werdenden BBL. Während anderswo langfristige Pläne für die Jugendarbeit und weitere Auslegungen der Basketballstandorte geschmiedet werden, heißt es bei den Löwen erneut lediglich die Klasse zu halten und auf mehr Geld zu hoffen. Eine eigene kritische Betrachtung fällt bekanntlich den meisten Menschen schwer, auch wenn sie noch so wichtig sein mag. Doch eine Frage bleibt: Ist die finanzielle Situation Schuld an der jährlichen Wiederkehr des Abstiegs-Schreckgespenstes oder gibt es andere Gründe?

Seitens der Offiziellen wird die ernüchternde sportliche Lage gerne auf die finanziellen Probleme der Basketball Löwen Braunschweig gelegt und damit begründet. Mit einem geschätzten Etat von 2,9 Millionen Euro in der letzten Saison wurden die Löwen von vier anderen Teams – Rasta Vechta (2,6 Mio), BG Göttingen (2,5 Mio), Phoenix Hagen (2,4 Mio), Science City Jena (2 Mio) – unterboten. Dabei zeigten Jena und Göttingen eindrucksvoll, dass Konkurrenzfähigkeit nicht allein durch ökonomische Mittel definiert wird. Und auch wenn Vechta abstieg, so hätte der Kader durchaus Respekt verdient.

Als deutliches Beispiel, dass auch mit wenig Geld viel erreicht werden kann, sind Bayreuth und Göttingen anzuführen. Die Organisation von medi bayreuth wachte nach einer desaströsen Saison 2015/16 mit einem Beinahe-Abstieg aus dem Dornröschen-Schlaf auf, holte sich Braunschweigs Ex-Trainer Raoul Korner, und bewies, dass man auch mit nur 200.000 Euro mehr ein Playoffs-Kandidat sein kann. Ein langfristiger Plan soll nun die Zukunft sichern. Das Jugendprogramm wurde ausgebaut, die Bauplanungen für ein Trainingszentrum werden konkreter. Der Leitfaden unter dem Motto „Heroes of Tomorrow“ zeigen zudem klar wohin die Reise gehen soll.

Auch in Göttingen scheint die Zukunft gesichert zu sein – ein Leistungszentrum für den Basketball wurde in diesem Jahr eröffnet. Ein Jugendprogramm soll langfristig die erste Mannschaft unterstützen und trotz geringem Etat zeigt sich, dass die Veilchen sich nicht vor der Liga oder der Zukunft fürchten müssen.

Alle diese drei Vereine haben ähnliche Rahmenbedingungen – mittlere Städte und ein ähnlich niedriger Etat. Doch während in Bayreuth und Göttingen die Zukunft erst noch kommt, scheint Braunschweig der alternde Mann in der Runde zu sein.

Höhen und Tiefen ist der Fan in Braunschweig mittlerweile gewohnt. Zwei Insolvenzen wurden überstanden, die kurze Metabox-Ära wurde verkraftet und auch der sportliche Abstieg wurde bereits mehrfach abgewendet. Immer mit dabei war Liviu Calin. Der Rumäne ist längst ein Braunschweiger Urgestein. Er baute das sehr erfolgreiche Nachwuchsprogramm des Braunschweiger Basketballs auf, aus dem Spieler wie Daniel Theis, Dennis Schröder oder Jannik Freese hervorkamen. Ein erfolgreiches Programm, dass nach dem Ausstieg des Namenssponsors in einer gefühlten „Nacht und Nebelaktion“ durch den Aufsichtsrat eingestampft wurde. Noch heute sind der Unmut und das Unverständnis bei den Braunschweiger Fans groß.

In den zuvor aufgeführten Vereinen wird auf die Jugend- und Nachwuchsarbeit gesetzt – vor allem weil gute deutsche Spieler aufgrund der BBL-Quoten-Regelung teuer geworden sind. Eigengewächse der Vereine halten ihren Vereinen länger die Treue halten und können Identifikation schaffen – siehe Florian Koch in Bonn, dessen Weggang sehr zum Unmut der Bonner Fans geschah und auch Koch wäre wahrscheinlich gerne seiner Heimat treu geblieben.

In Braunschweig hatte man all dies bereits. In der NBBL und JBBL wurden Erfolge gefeiert, in der 2. Basketball-Bundesliga konnten die jungen Talente Erfahrungen unter Livius Führung sammeln und erste BBL-Luft schnuppern. Noch heute zeugen Spieler der BBL, wie Amaize, Johnson sowie Kone, und der NBA, wie Theis und Schröder, von dieser Ära. Für ein „perfektes Rundum-Paket“ fehlte nur noch ein Leistungszentrum a la Göttingen. Doch stattdessen wurde auf die Finanzen verwiesen und ein Vorbild-Programm verschwand in der Versenkung. Hier kommt nun der alternde Mann wieder ins Gespräch – der stur seine feste Meinung vertritt und seinen Weg weiter bis zum letzten Atemzug geht.

Schauen wir nun was davon übrig blieb. Richtig – nicht viel. Die Kooperation mit Wolfenbüttel ist eine Alternative, die das alte Farmteam Livius kaum ersetzen kann. Einzige Nachwuchshoffnung, die die letzte der Ära Calins zu sein scheint, ist der Braunschweiger Lars Lagerpusch. Und dabei ist ein Nachwuchsprogramm ein Kostenpunkt, der zwar einiges ausmachen mag, aber im Vergleich des Gewinnes ein kleiner Kostenpunkt sein dürfte. Es sollte als Investition in das BBL-Team angesehen werden. Statt dies einzusehen, wird stur der eingeschlagene Weg weitergegangen. Die Situation wird auf fehlende Sponsoren geschoben und Ideen, egal ob es das Marketing, die Sponsorensuche und weitere Vorschläge betrifft werden mit dem Argument „kein Geld“ schnell abgewandt. Mit Frank Menz und dessen Wunsch nach einer guten Nachwuchsarbeit – hat er mit dieser Idee im Kopf doch den sicheren Hafen DBB verlassen – und Calins Nachwuchsprogramm könnte der alte Mann wieder zum Leben erweckt werden. Ein Projekt, eine Vision und Personen die dahinter stehen; hierbei muss vor allem das Backup – also die Geschäftsstelle – endlich mitziehen; dürften Sponsoren und potentielle Interessenten überzeugen und schlussendlich weitere Probleme lösen. Und diese Vision, wie auch immer sie genau aussehen sollte, muss den Nachwuchs wieder fokussieren. Hierzu hat Braunschweig ein unglaubliches Potenzial in Person von Liviu Calin.

Doch die Basketball Löwen Braunschweig schafften es dank Michael Döhring als Aufsichtsratsvorsitzender und Stefan Schwope als ehemaligen Geschäftsführer allzu gut auf dem Präsentierteller liegende Möglichkeiten ungenutzt zu lassen und aus dem „Weiter so“ einen Rückschritt zu entwickeln. Und genau hier liegt doch das eigentliche Problem: Innovations-, Zukunfts- und Ideenlosigkeit, was die „Jungen Wilden“ bei näheren betrachten doch eher als alternden Mann zeigte. Wahrscheinlich verhält es sich so ab einem gewissen Alter – es wird auf die „guten, alten Zeiten“ verwiesen, ohne einen Blick in die Zukunft zu wagen. Dabei hätte man die Zeiten von Schröder und Theis nur fortführen müssen.
„Ich weiß nicht ob es besser wird, wenn es anders wird. Aber es muss anders werden, damit es besser wird.“ heißt ein sehr passender Spruch. Anders wurde es bereits in dieser Saison 2017/18. Der Kopf des alten Mannes hat eine Verjüngungskur erhalten: mit Paul Anfang als neuen Aufsichtsratsvorsitzenden und dem 31-jährigen Sebastian Schmidt als Geschäftsführer. Beide ließen neue Hoffnung aufkommen. Sie machen einen jungen, offenen und gesprächsbereiten Eindruck. Sie scheinen die Probleme zu erkennen und den alternden Mann wieder zu neuem Leben erwecken zu wollen. Es heißt nun zu hoffen, dass die Vorschuss-Lorbeeren nicht zu früh vergeben wurden und die Verjüngungskur auch intern Wirkung erzielt. 27 Jahre Erstliga-Basketball in Braunschweig sollten nicht einfach so in der Versenkung verschwinden.

Als Rat sei mitzugeben auf die Erfahrungen zu hören, den Coaches und Fans zuzuhören und einen Schritt zurück zu wagen. Denn manchmal kann ein Schritt zurück auch einer in die richtige Richtung sein – vor allem für den gealterten, einst erfolgreichen Mann namens „Braunschweiger Basketball“.

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Franka Schulmann
Franka ist glühende Anhängerin der Basketball Löwen Braunschweig. Ob Unterstützung oder an der Trommel - unsere Autorin geht voran. Für uns ist Franka im Bereich News, Spielberichte und Interviews aktiv. Vorrangig bearbeitet sie die Themen aus Braunschweig, doch hat unsere Autorin auch das übrige Geschehen in der Bundesliga im Blick.

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