12.8 C
New York City
Sonntag, Oktober 2, 2022

Buy now

FIBA EuroBasket 2022 – Überraschungen und Enttäuschungen

Über zwei Wochen hinweg wurden den europäischen Basketballfans im Zuge der FIBA EuroBasket 2022 viele packende Spiele, überragende Individualleistungen und große Überraschungen geboten. Im Gegensatz zum Vereinsbasketball können sich die Nationalmannschaften nur in relativ kurzer Zeit auf die Europameisterschaft vorbereiten, sodass umso mehr der Zusammenhalt innerhalb einer Mannschaft über Erfolg bzw. Misserfolg entscheidet. Der Modus der FIBA EuroBasket 2022 – nach der Gruppenphase wird der Sieger ab dem Achtelfinale in einem K.O. System ermittelt – bietet die Grundlage für viele Upsets. Großer Gewinner des Turniers waren somit neben dem Basketballweltverband, der FIBA, vor allem die neutralen Zuschauer, welche fast ausschließlich enge Partien bestaunen durften.

Die Überraschungen des Turniers

Insgesamt konnten viele vermeintliche Underdogs, die nur wenige namhafte Spieler in ihren Reihen haben, für Überraschungen sorgen. Die diesjährige Europameisterschaft zeigt, dass insbesondere bei der Nationalmannschaft weniger die Namen, sondern der Einsatz über Sieg und Niederlage entscheidet. In vielen erfolgreichen Teams war zu beobachten, dass eine klare Rollenverteilung in der Mannschaft vorherrschte und jeder Spieler genau wusste, was er zu tun hat. Auch das deutsche Team zählt zu den positiven Erscheinungen dieser Europameisterschaft, jedoch folgt in den kommenden Tagen ein eigener Artikel über den Weg zur Bronzemedaille.

Polen

Die größte Überraschung der Europameisterschaft 2022 gelang der polnischen Nationalmannschaft, die im Viertelfinale sensationell Titelverteidiger Slowenien um Superstar Luka Doncic mit 90:87 aus dem Turnier warf. In diesem Spiel überragte Mateusz Ponitka mit einem Triple-Double bestehend aus 26 Punkten, 16 Rebounds und 10 Assists. Damit ist der 29-Jährige erst der dritte Spieler in der EM-Geschichte, dem ein Triple-Double gelang.

Auch wenn im Halbfinale und im Spiel um Platz 3 etwas die Luft raus war, steht am Ende der vierte Platz zu Buche – das beste Ergebnis seit 55 Jahren für den polnischen Basketball bei einer Europameisterschaft. Kaum einer der Experten hätte vor dem Turnier auf den Halbfinaleinzug Polens gesetzt. Die Mannschaft, welche ohne ihren frisch gedrafteten NBA-Spieler Jeremy Sochan auskommen musste, überzeugte durch ihre Geschlossenheit. Neben Ponitka waren vor allem Point Guard A.J. Slaughter, Shooting Guard Michal Sokolowski und der junge Center Aleksander Balcerowski Schlüsselfiguren im polnischen Team. Insbesondere den erst 21-Jährigen Balcerowski, der in der kommenden Saison bei Herbalife Gran Canaria in der spanischen Liga ACB aufläuft, sollten europäische Basketballfans weiterhin im Blickfeld behalten. Zwar ist sein offensives Spiel bisher noch ziemlich roh und der Center muss seine Foulbelastung in den Griff bekommen, nichtsdestotrotz besitzt der 2,15 Meter große Balcerowski großes Potential zu einem sehr guten Turkish Airlines EuroLeague Spieler heranzuwachsen. Mit einem starken achten Platz bei der letzten Weltmeisterschaft 2019 und dem diesjährigen Erreichen des Halbfinals hat Polen für Aufsehen im europäischen Basketball gesorgt. Neben Zypern, Lettland und Finnland gehört Polen 2025 zu den Austragungsländern der nächsten Europameisterschaft. Dann wird sich zeigen, ob die Mannschaft den starken vierten Platz bestätigen kann.

Die litauischen Fans

Abseits des Feldes war bereits bekannt, dass die litauischen Fans zu den stimmungsvollsten in Europa zählen. Dennoch werden die Anhänger der litauischen Basketballnationalmannschaft in dieser Liste der Überraschungen aufgeführt. Was der litauische Support vor allem in Köln lieferte, war im europäischen Basketball einzigartig. Bis zu 6.000 angereiste Fans feuerten ihr Team lautstark an und machten die riesige LANXESS arena zu einem Hexenkessel. Leider war für das im Vorfeld hochgehandelte Litauen bereits im Achtelfinale Schluss gegen den späteren Turniergewinner Spanien. Der Auftritt der litauischen Fans wird dafür noch lange in Erinnerung bleiben.

Finnland

Eine weitere Überraschung war die finnische Nationalmannschaft, welche bis in das Viertelfinale vordringen konnte und damit ihr bestes Ergebnis bei einer Europameisterschaft einfuhr. Zwar verlor Finnland dort gegen Spanien trotz einer 9-Punkte Führung zur Halbzeit. Dennoch machte der Auftritt des Teams sowie der zahlreichen Fans Lust auf mehr. Angeführt wurde Finnland von einem überragenden Lauri Markkanen. Dieser landete am Ende mit 27,9 Punkten im Schnitt auf dem zweiten Platz der turnierübergreifenden Scorerliste. Zusätzlich legte Markkanen 8,1 Rebounds und 2,4 Assists auf. Allgemein war der 25-Jährige NBA-Profi von keinem Verteidiger im Eins gegen Eins zu stoppen. Die Größe gepaart mit seiner Beweglichkeit und seinem guten Wurf machen ihn auf europäischen Level zu einem der besten Spieler, der auch Argumente für eine Nominierung in die TISSOT All-Star Five des Turniers gehabt hätte. Besonders beim Achtelfinal-Erfolg gegen Kroatien trug Markkanen Finnland mit 43 Punkten auf seinen Schultern.

Der Rest des Teams, welches aus vielen weniger namhaften Spielern bestand, lieferte ihrem Superstar starken Support. An erster Stelle ist Sasu Salin zu nennen. Der erfahrene Shooting Guard zählte im Wettbewerb neben dem deutschen Andi Obst zu den besten Dreipunkte-Schützen. Allgemein wurde die Handschrift des Trainers Lassi Tuovi deutlich, der auf ein schnelles und attraktives Offensivspiel setzt. Mit 88 Punkten im Schnitt gehörte Finnland zu den offensivstärksten Nationen. Ebenso wie in Polen wird auch in Finnland 2025 eine Vorrundengruppe der Europameisterschaft ausgetragen. Mit ihren positiv verrückten Fans ist der finnischen Mannschaft um Markkannen einiges zuzutrauen.

Überraschungssieger Spanien

Im Vorfeld des Turniers hätten nur die wenigsten Experten damit gerechnet, dass wieder einmal Spanien am Ende auf dem Siegertreppchen stehen würde. Nach 2009, 2011 und 2015 ist dies bereits der vierte Gewinn einer Europameisterschaft. Aufgrund des weitgehenden Abgangs der goldenen Generation um die Gasol-Brüder, Juan Carlos Navarro, Sergio Rodriguez und viele weitere Spieler, war die Mannschaft nicht als Titelanwärter eingestuft worden. Die Iberer gewannen ihre schwache Vorrundengruppe A, jedoch mussten sie auf dem Weg dahin eine überraschende Niederlage gegen Belgien hinnehmen und konnten in vielen Partien nicht restlos überzeugen. Erst in der Endrunde, die in der Mercedes-Benz Arena in Berlin ausgetragen wurde, steigerte sich die spanische Basketballnationalmannschaft von Spiel zu Spiel. Vor allem der kurz vor dem Turnier eingebürgerte Point Guard Lorenzo Brown hievte sein Spiel auf ein neues Level und lieferte in der K.O. Phase bisweilen überragende Leistungen, wie die deutsche Mannschaft schmerzlich erfahren musste. Der knappe Sieg nach Verlängerung im Achtelfinale gegen Litauen bildete den Startschuss. Anschließend folgte dank einer starken zweiten Halbzeit der 100:90 Triumph gegen eines der Überraschungsteams des Turniers Finnland. Im Halbfinale erfolgte das Duell gegen Gastgeber Deutschland. In einer hochklassigen Partie führte die deutsche Nationalmannschaft bereits mit zehn Punkten im dritten Viertel bis die Spanier noch einmal ihre Verteidigung intensivieren konnten. Mitte des vierten Viertels setzten sich die Iberer schließlich ab und konnten die Big Plays für sich verzeichnen. Lorenzo Brown wurde zum Matchwinner und traf mit 29 Punkten sowie 6 Assists mitten in das Herz des deutschen Teams.

Im Finale gegen Frankreich spielte die Mannschaft routiniert ihren Stiefel runter und ließ Les Bleus von der ersten Sekunde an keine Chance. Mit 88:76 gewannen die Iberer schließlich das Endspiel. Dank des Triumphes wurde Willy Hernangomez als Most Valuable Player des Turniers ausgezeichnet. Der 28-Jährige Center legte durchschnittlich 17,2 Punkte und 6,9 Rebounds pro Partie auf. Insgesamt verteilte sich die Verantwortung für den Erfolg auf viele Schultern. Wie ausgeglichen das Team über das Turnier hinweg agierte, zeigt die Minutenverteilung. Kein Spieler stand länger als 26 Minuten auf dem Feld pro Partie. Neben der starken Mannschaftsleistung ist der spanische Trainer Sergio Scariolo hervorzuheben. Nicht nur ist die Art des Coachings sehr interessant, beispielsweise übernahm einer der Assistenztrainer während des Spiels das Coaching in den Verteidigungssequenzen, sondern auch sehr erfolgreich. Der Fokus und die Routine des Trainers übertrugen sich auf die Mannschaft, welche in den entscheidenden Spielen auch in schwierigen Phasen nicht aus der Ruhe kam. Den Fehler, diese Basketballnation noch einmal zu unterschätzen, werden zukünftig wohl die wenigsten machen.

Die Enttäuschungen des Turniers

Abschneiden der drei Superstars

Zu den größten Enttäuschungen des Turniers gehören die drei Superstars Nikola Jokic, Luka Doncic und Giannis Antetokounmpo. Individuell zeigten alle drei mit hervorragenden Leistungen, dass sie jeweils Anwärter auf den Titel des besten Spielers auf der Welt sind, jedoch gelang es ihnen nicht ihre Mannschaften zu einer Medaille zu führen. In einem der größten Upsets des Wettbewerbs verlor Nikola Jokic mit Serbien gegen ein emotionales Italien. Nach einer mühelosen Vorrunde musste die serbische Nationalmannschaft somit bereits nach dem Achtelfinale die Heimreise antreten. Jokic konnte trotz 32 Punkten und 13 Rebounds das Aus nicht verhindern. Insbesondere in der Verteidigung wurde der letztjährige MVP der NBA immer wieder von Italien durch Nicolo Melli aus der Zone gezogen und im Pick and Roll attackiert.

Luka Doncic musste mit Slowenien im Viertelfinale die Segel streichen. Als Titelverteidiger in die EM gestartet, wurde bereits frühzeitig eine zu große Lässigkeit in der Mannschaft deutlich. Diese wurde im späteren Turnierverlauf bestraft. Zunächst schloss Slowenien die harte Vorrundengruppe B als Tabellenerster dank überragender Performances von Doncic ab. Nach einer starken Partie gegen Deutschland mit 36 Punkten, toppte der Superstar diese Leistung im Spiel gegen Frankreich, als der 23-Jährige 47 Punkte auflegte.

In den vielen engen Vorrundenpartien musste Doncic bereits viele Minuten abreißen, um seine Mannschaft zu Siegen zu führen. Diese Belastung machte sich beim Star der Dallas Mavericks in der Endrunde bemerkbar. Im Achtelfinale reichte es für Slowenien noch zu einem Sieg gegen Belgien, aber in der nächsten Runde war dann Schluss gegen Polen. Vor allem in der ersten Hälfte grub sich die slowenische Mannschaft um den angeschlagenen Doncic ein Loch und lag zur Halbzeit mit 19 Punkten zurück. In dieser Phase konnte Polen in der Offensive scoren wie sie wollten ohne ernsthafte Gegenwehr. Erst in der zweiten Halbzeit erwachte der Titelverteidiger und konnte die Partie sogar ausgleichen. Zum Ende hin hatte die Aufholjagd der slowenischen Mannschaft zu viele Kräfte gekostet, sodass die große Überraschung perfekt wurde.

Das schwierigste Aus musste Giannis Antetokounmpo hinnehmen. Gegen den groß aufspielenden Gastgeber Deutschland konnte auch der ehemalige NBA-MVP in der zweiten Halbzeit nicht mehr viel ausrichten. Damit blieb dem 27-Jährigen auch dieses Mal eine Medaille bei einem Nationalmannschaftswettbewerb verwehrt. Insbesondere aufgrund der vielversprechenden Vorbereitung bleibt das Ausscheiden im Viertelfinale eine große Enttäuschung.

Das Spacing um den Superstar herum war nicht das Beste, sodass die gegnerischen Mannschaften sich immer mit vielen Spielern auf den Superstar konzentrieren konnten. Dieser traf über das Turnier hinweg seinen Dreier nicht hochprozentig genug, um ein Absinken der Verteidiger konstant zu bestrafen. Trotzdem wurde der 27-Jährige am Ende mit 29,3 Punkten im Schnitt Topscorer des Wettbewerbs und sorgte für einige Highlights.

Zuschauerauslastung in Berlin

Viele der hochklassigen Spiele in der Endrunde wurden bedauernswerterweise nicht vor einer ausverkauften Mercedes-Benz Arena in Berlin ausgetragen. Stattdessen blieben nicht selten einige tausende Plätze frei. Durch die nicht vorhersehbaren Spielpaarungen fiel es vor allem auswärtigen Fans im Vorfeld schwer sich Tickets zu kaufen. Eine Mitschuld für die leergebliebenen Sitzen trägt auch die FIBA. Viele Basketballbegeisterte beschwerten sich über die hohen Ticketpreise, die dafür sorgten, dass einige den Spielen fernblieben und lieber über das Fernsehen die Europameisterschaft verfolgten. An dieser Stelle muss der Weltverband ansetzen, denn diese intensiven Partien hätten eine noch größere Kulisse verdient gehabt. Ein positives Fazit konnte die LANXESS arena ziehen. Trotz einer größeren Kapazität als die Mercedes-Benz Arena waren die Vorrundenspiele besser besucht und eine bessere Stimmung bemerkbar. Dazu trugen auch die vielen angereisten Fans der deutschen Gruppengegner bei.

Schiedsrichter

Ein großes Thema während der Europameisterschaft waren die Schiedsrichter. Aufgrund des Streits zwischen der Turkish Airlines EuroLeague und der FIBA, setzte der Weltverband keine Unparteiischen aus dem besten europäischen Klubwettbewerb ein. Im Laufe des Turniers wuchs die nicht unberechtigte Kritik vieler Spieler und Trainer an den Schiedsrichtern. In nahezu jedem Spiel mussten die Schiedsrichter auf das Verteilen von technischen Fouls zurückgreifen und häufig war keine Linie zu erkennen, an der sich die Schiedsrichter orientierten. Stattdessen blieben viele Pfiffe in den Partien unklar und einige Male mussten die Zuschauer in verwunderte oder aufgebrachte Augen der Spieler blicken. Jedoch hatten auch die teilnehmenden Spieler und Trainer ihren Anteil an diesen unschönen Diskussionen. Nur wenige Teams zeigten den Schiedsrichtern gegenüber genügend Respekt und fielen nicht durch ständiges Meckern auf. Auf diese Weise spielte sich das Thema im Turnierverlauf weiter hoch. Zusätzlich muss den Unparteiischen auch zugestanden werden, nicht jedes Foul in Spielgeschwindigkeit erkennen zu können. In der Vorrunde unterliefen den Schiedsrichtern jedoch zwei große und nicht zu entschuldigende Fehler. In der Partie zwischen Litauen und Deutschland wurde die Ausführung eines Freiwurfs für die litauische Mannschaft, aufgrund eines technischen Fouls gegen den deutschen Trainer, Gordie Herbert, vergessen. Erst im vierten Viertel fiel dies den litauischen Verantwortlichen auf der Bank auf, aber zu diesem Zeitpunkt konnte der Freiwurf nicht mehr nachgeholt werden. Der Fehler wog umso schwerer, da das Spiel in der regulären Spielzeit unentschieden endete und Deutschland schließlich nach zweifacher Verlängerung gewann. Der zweite große Patzer passierte in der Partie Türkei gegen Georgien. Im vierten Viertel war die Spieluhr trotz einer Unterbrechung seitens der Schiedsrichter für 22 Sekunden weitergelaufen und dann erst angehalten worden. Die benachteiligten Teams, Litauen und Türkei, legten beide erfolglos Protest bei der FIBA ein.

Die neutralen Zuschauer konnten bei dieser Europameisterschaft vieles erleben, von Überraschungssiegen über großartige Stimmung bis hin zu Schiedsrichterkontroversen. Auch medial konnte das Turnier viel Aufmerksamkeit erregen. Nach diesem Spätsommer steigt bereits die Vorfreude auf weitere Nationalmannschaftswettbewerbe, wie zum Beispiel die Weltmeisterschaft 2023, die in Indonesien, Japan und auf den Philippinen ausgetragen wird.

5.00 avg. rating (98% score) - 7 votes

Related Articles

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Stay Connected

9,292FansGefällt mir
1,768NachfolgerFolgen
1,642NachfolgerFolgen

Latest Articles

spot_img
spot_img
spot_img
Basketball Wetten